Die Stiftung Exilmuseum Berlin startet an der Portalruine des historischen Anhalter Bahnhofs eine neue Ausstellungsreihe mit künstlerischen Installationen, die sich mit dem Ort und seiner Geschichte auseinandersetzen und zugleich den Exil-Begriff aus der Geschichte in die Gegenwart überführen. Den Auftakt bildet ab 14. November 2025 die beleuchtete Textskulptur „I Don’t Have Another Land“ (2022) des renommierten schottischen Künstlers Nathan Coley.
Jährlich neue künstlerische Installationen
Mit der Reihe An der Ruine schafft die Stiftung Exilmuseum am Anhalter Bahnhof somit ein neues Forum im Stadtraum, das Historie und Gegenwart miteinander verbindet: Die künstlerischen Positionen bieten neue Perspektiven auf ein weitgehend vergessenes Kapitel Berliner Geschichte. Der Anhalter Bahnhof repräsentiert einschneidende Ereignisse der deutschen Geschichte – und ist zugleich ein weitgehend unterschätzter Erinnerungsort.
„Ich freue mich, dass wir Nathan Coleys berühmtes Kunstwerk „I Don’t Have Another Land“ erstmals in Deutschland zeigen können, insbesondere an einem Ort, der für Exil und Deportation während des Nationalsozialismus steht. Die Installation wirft drängende Fragen nach Identität, Zugehörigkeit und gesellschaftlicher Verantwortung auf – Themen, die heute so aktuell sind wie lange nicht.“ sagt Ruth Ur, Direktorin der Stiftung Exilmuseum.
Der Anhalter Bahnhof: Ort des Exils und der Deportation
Der Anhalter Bahnhof war einst einer der größten Bahnhöfe Europas. Ab 1933 flohen von hier unzählige Menschen ins ausländische Exil, die in Deutschland von den Nationalsozialisten als Jüdinnen und Juden, als Künstler:innen, Intellektuelle oder aufgrund ihrer politischen Überzeugungen verfolgt wurden. Zwischen 1941 und 1943 wurden mehr als 9.600 Berliner Jüdinnen und Juden vom Anhalter Bahnhof in Ghettos und Konzentrationslager deportiert.
Heute steht nur noch das Eingangsportal des Bahnhofs. Mit dem Programm An der Ruine – initiiert von der Stiftung Exilmuseum Berlin, in Kooperation mit der Deutschen Bahn AG und der Heinz und Heide Dürr Stiftung – soll dieser historische Ort als lebendiger Erinnerungs- und Kulturort gestärkt werden.
Auftakt 2025/26: „I Don’t Have Another Land“ von Nathan Coley
Die leuchtende Textskulptur „I Don’t Have Another Land“ geht zurück auf ein Graffiti, das Nathan Coley Mitte der 2000er-Jahre in Jerusalem entdeckte. Der eindringliche Satz ist bewusst offen gehalten: Er verweist einerseits auf die historische Bedeutung des Ortes, lässt sich andererseits aber auch als Kommentar zu aktuellen Fragen von Zugehörigkeit und Identität lesen. Gerade weil die Skulptur zu verschiedenen Interpretationen anregt, ist sie als Auftakt besonders geeignet, ein Gespräch über Geschichte und Gegenwart anzustoßen.
Wie unterschiedlich seine Arbeiten gelesen werden können, macht Nathan Coley im Interview deutlich: „I want the phrase to be loved and I also expect it to be disliked at the same time. The sculptures are propositions. They very consciously know that you're looking at them in a space which is contested and not private. I very simply give power to these words.“
Nathan Coley (geboren 1967 in Glasgow) ist international für Arbeiten bekannt, die den öffentlichen Raum als Resonanzraum für gesellschaftliche Themen nutzen. Seine Werke wurden weltweit ausgestellt, u.a. in der Tate Modern in London, im Kunstverein Freiburg oder im Scheepvaartmuseum Amsterdam. 2007 wurde Coley für den Turner Prize nominiert. Er lebt und arbeitet in Glasgow.
Das Werk „I Don’t Have Another Land“ wurde erstmals im südenglischen Charleston präsentiert, dem früheren Atelier und Wohnhaus des Künstlerpaars Vanessa Bell und Duncan Grant. 2023 wurde es an der Fassade der Eastbourne City Library angebracht, wo es in Richtung Ärmelkanal ausgerichtet war. 2025 war das Werk in Prizren im Kosovo zu sehen, einem Ort mit wechselhafter Militärgeschichte, bis vor wenigen Jahren auch Bundeswehr-Stützpunkt.
Über die Stiftung Exilmuseum Berlin
Die Stiftung Exilmuseum Berlin arbeitet daran, die Geschichten von Flucht und Exil während der NS-Zeit sichtbar zu machen und durch das Verständnis der Vergangenheit die Gegenwart zu reflektieren. Das Exilmuseums wird 2027 im historischen Gebäude in der Fasanenstraße 24 in Charlottenburg eröffnet. Parallel dazu entsteht am Anhalter Bahnhof ein öffentlich zugänglicher Erinnerungs- und Kunstort.